Chairside-CAD/CAM oder
Das Labor ohne Labor?
Kostenvergleich für Zahnarztpraxen

60.000 Euro investieren, Fräser kaufen, Software-Updates bezahlen, Stuhlzeit blockieren — und am Ende weniger verdienen als mit einem Abdruck und einem Kurier. Warum das Chairside-Prinzip die Zahlen nicht übersteht.

9. April 2026 durch Dinko Jurcevic

Chairside-CAD/CAM-Systeme sind eine großartige Verkaufsidee. Krone in einer Sitzung, kein Fremdlabor, kein Warten. Die Prospekte sind schön. Die Versprechen klingen überzeugend.

Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.

Dieser Artikel vergleicht die Wirtschaftlichkeit eines Chairside-CAD/CAM-Systems mit dem Modell Das Labor ohne Labor (LoL) von Praxisallianz — auf Basis von Investitionskosten, laufenden Fixkosten, GOZ-Abrechnung nach §9 und dem tatsächlichen Nettogewinn pro zahntechnischer Einheit.

1. Investitionskosten: Was der Einstieg in das Chairside-System bedeutet

Ein marktübliches Chairside-CAD/CAM-System — Intraoral-Scanner plus Fräseinheit — kostet 45.000–65.000 Euro in der Anschaffung. Realistisch inklusive Installation, Erstschulung und Verbrauchsmaterial: 60.000 Euro netto.

Das Geld ist gebunden, bevor die erste Krone gefräst wird. Das LoL-Modell startet mit einer einmaligen Setup-Investition — ohne Kapitalbindung in Maschinen, ohne Abschreibungsrisiko.

Chairside-CAD/CAM — Monatliche Fixkosten

Finanzierung Hardware (60 T€ / 5 J.) 1.100 €

Software-Lizenz & Updates 350 €

Fräser & Schleifkörper 900 €

Wartungsvertrag 200 €

Material (Blanks, Ø 40 €/Einheit × 20) 800 €

Gesamt/Monat 3.350 €

Das Labor ohne Labor — Monatliche Fixkosten

Mitgliedschaft Pro 249 €

Software-Lizenz 0 €

Fräser 0 €

Wartungsvertrag 0 €

Fräszentrum (variabel, 20 × 30 €) 600 €

Fixkosten/Monat 249 €

Die Fräszentrum-Kosten im LoL-Modell sind rein variabel: kein Patient, keine Kosten. Beim Chairside-System laufen über 2.550 Euro Fixkosten monatlich — unabhängig von der Auslastung.

42.200 € Fixkostenbelastung Chairside-System über 12 Monate — unabhängig von der Auslastung

2. Laborabrechnung nach §9 GOZ: Was beide Systeme dürfen

Ein verbreitetes Missverständnis vorweg ausgeräumt: Beide Systeme erlauben die Abrechnung zahntechnischer Leistungen nach §9 GOZ. Gemäß §9 GOZ kann der Zahnarzt die ihm tatsächlich entstandenen angemessenen Kosten für zahntechnische Leistungen als Auslagen berechnen — ausdrücklich auch für das Eigenlabor bzw. Praxislabor.

Rechtliche Einordnung — §9 GOZ / Eigenlabor

Auch CAD/CAM-gestützte Fertigung im Praxislabor ist eine abrechenbare zahntechnische Leistung. Gerichte (u. a. OLG Frankfurt, bestätigt durch BGH) haben bestätigt, dass der Begriff „angemessene Kosten" in §9 GOZ einen kalkulatorischen Gewinnanteil einschließt. Der Zahnarzt ist berechtigt, für Technologie, Amortisation und Know-how marktübliche Preise inklusive Gewinnmarge zu berechnen. Die einzelnen technischen Schritte — CAD-Konstruktion, Fräsen, Charakterisierung — sind dabei einzeln auf der Laborrechnung auszuweisen.

Der Unterschied zwischen den Systemen liegt nicht darin, ob Laborleistungen abgerechnet werden dürfen — sondern darin, wie viel von dieser Vergütung nach Abzug der Systemkosten tatsächlich beim Arzt verbleibt.

„Beim Chairside-System frisst das System seine eigene Laborvergütung auf. Im LoL-Modell kostet die Laborleistung 30 Euro — und bringt 250 Euro."

3. Die Einheiten-Rechnung: Nettogewinn pro Krone im Vergleich

Beide Modelle rechnen auf der gleichen GOZ-Basis ab. Der Unterschied entsteht durch die Struktur der Kosten — und durch die tatsächlich verbleibende Laborvergütung nach Abzug aller Systemaufwendungen.

Umsatzstruktur pro Einheit — Das Labor ohne Labor (Privatpatient)

GOZ-Honorar (zahnärztliche Behandlung)+ 700 €

Laborleistung nach §9 GOZ (ZFA-Charakterisierung, einzeln ausgewiesen) + 250 €

Fräszentrum (Materialkosten) − 30 €

Mitgliedschaft Pro (anteilig) − 12 €

Nettogewinn pro Einheit≈ 908 €

Beim Chairside-System wird die Laborvergütung nach §9 GOZ durch die Systemkosten (Abschreibung, Fräser, Wartung, Software) weitgehend aufgezehrt. Direkter Vergleich:

Position

Chairside-CAD/CAM

Das Labor ohne Labor

GOZ-Honorar (Privatpatient)

700 €

700 €

Laborvergütung §9 GOZ

Theoretisch abrechnungsfähig

Labor ohne Labor System

+ 250 € (ZFA-Labor ohne Labor System  Charakterisierung)

Systemkosten (Abschreibung, Fräser, Software, Wartung, anteilig) 128,- €

Material / Fräszentrum − 30 €

Blockierte Stuhlzeit

< 30 Minuten

Chairside

+ 250 € (ZFA-Labor ohne Labor System  Charakterisierung)

Systemkosten (Abschreibung, Fräser, Software, Wartung, anteilig) 0 €

Material / Blanks − 40 €

Blockierte Stuhlzeit

< 100 Minuten

Nettogewinn pro Einheit

Chairside ≈ 532 €

Labor ohne Labor System ≈ 908 €

Bei 20 Einheiten pro Monat ergibt sich ein monatlicher Mehrertrag von 7.520 Euro zugunsten des LoL-Modells.

+ 90.240 € Zusätzlicher Jahresertrag LoL vs. Chairside-System — bei 20 Einheiten/Monat

4. Arbeitsaufwand: Was Chairside in der Praxis wirklich bedeutet

Chairside-Werbung zeigt Ärzte, die nebenbei eine Krone fräsen. Die Realität:

  • Intraoraler Scan: 15–25 Minuten
  • CAD-Design am Computer: 20–35 Minuten
  • Fräsvorgang: 15–25 Minuten
  • Ausarbeitung, Politur, Farbanpassung, Glasurvorbrand: 30–45 Minuten
  • Einprobe und Zementierung: 20–30 Minuten

Gesamtaufwand: 100–160 Minuten Arbeitszeit pro Krone/Brücke. 

CAD/CAM-Software muss auf Profiniveau beherrscht werden — mit regelmäßigen Update-Schulungen.

Labor ohne Labor System

  • Digitaler Scan, Modell oder konventioneller Abdruck — alles möglich, ein Preis
  • Weiterleitung ans Fräszentrum: 5 Minuten
  • Zahnarzt bemalt und charakterisiert nach Schulung durch Praxisallianz: 5 Minuten (parallel, nicht am Stuhl)
  • Eingliedern: 15–20 Minuten

Netto-Aufwand für den Arzt: unter 30 Minuten. Keine CAD-Kenntnisse. Keine Maschinenwartung.

5. Qualität und Indikationsbreite: Was das Chairside-System nicht kann

Chairside-CAD/CAM — Limitationen

Chairside-Systeme fertigen überwiegend monolithisch — aus einem Block, in einer Farbe. Vollkeramische Chairside-Brücken sind in der Praxis auf 3-gliedrige Konstruktionen begrenzt. 14-gliedrige Zirkonbrücken sind mit einem Tischfräser nicht realisierbar.

Das Labor ohne Labor — Möglichkeiten

  • Mehrschichtige, vollkeramische Kronen und Brücken in höchster Ästhetik
  • Individuelle Charakterisierung durch geschulte ZFA — als §9-GOZ-Leistung abrechnungsfähig
  • 14-gliedrige Brücken in Zirkon — Festzahnersatz auf Vollausstattungs-Laborniveau
  • Alle gängigen Materialien: Zirkon, Lithiumdisilikat, Edelmetall, NEM
  • Indikationsgerechte Auswahl — nicht durch Maschinenkapazität begrenzt

„Ein Chairside-System kann immer nur das, was die Tischfräsmaschine hergibt. Das Labor ohne Labor greift auf das gesamte zahntechnische Spektrum zu."

6. Patientenwahrnehmung: Was der Patient sieht — und was er denkt

Die meisten Wirtschaftlichkeitsvergleiche zwischen Chairside und Praxislabor enden bei den Kosten. Es fehlt der entscheidende dritte Faktor: was der Patient wahrnimmt, während er im Behandlungsstuhl sitzt.

Das Chairside-Problem: Die Maschine macht sich sichtbar

Der Patient schaut zu. Eine Tischmaschine rattert 20–25 Minuten. Dann kommt eine Krone heraus. Sein mentaler Referenzrahmen ist nicht die zahntechnische Fertigung — sein Referenzrahmen ist ein Drucker, ein Kaffeevollautomat, eine CNC-Maschine. Das Gerät hat in seinen Augen die Arbeit gemacht. Automatisch. Ohne Fachkraft.

Dann kommt die Rechnung. 700–950 Euro. Für eine Krone, die die Maschine in einer halben Stunde produziert hat.

Das Gespräch findet statt — ob der Arzt es will oder nicht. Und der Arzt steht dabei strukturell schlecht: Er muss Abschreibung, Fräserkosten und Software-Lizenzen erklären. Keines dieser Argumente erzeugt beim Patienten das Gefühl, für etwas Wertvolles zu zahlen. Es erzeugt das Gefühl, die Investitionskosten des Arztes zu finanzieren.

„Die Maschine hat die Krone gemacht — warum zahle ich Laborpreis?" Diese Frage stellt sich der Patient. Nicht laut. Aber sie entscheidet, ob er beim nächsten Mal wiederkommt.

Das LoL-Modell: Der Patient sieht nichts — und das ist der Vorteil

Im LoL-Modell bleibt die Produktion unsichtbar. Die Krone kommt aus dem Fräszentrum. Die ZFA charakterisiert und bemalt im Hintergrund. Der Patient erlebt einen normalen Zahnarztbesuch — wie er ihn kennt, wie er ihn erwartet, wie er ihn akzeptiert.

Auf der Rechnung steht "Laborleistung". Genau wie beim klassischen Zahnarztbesuch sein ganzes Leben lang. Kein Erklärungsbedarf. Keine Transparenz-Falle. Keine implizite Entwertung der eigenen Leistung durch sichtbare Automatisierung.

  • Patient erlebt gewohnten Behandlungsablauf — keine Irritation
  • Laborrechnung entspricht dem mentalen Modell des Patienten
  • Keine Erklärung von Maschinenkosten, Abschreibung oder Software-Lizenzen nötig
  • ZFA-Charakterisierung ist sichtbar handwerkliche Leistung — erhöht wahrgenommenen Wert
  • Höhere Patientenzufriedenheit durch individuell angepasstes ästhetisches Ergebnis

Das ist kein weicher Marketingfaktor. Patientenwahrnehmung entscheidet über Weiterempfehlung, Wiederkommen und Preisakzeptanz. Wer einen Patienten dabei erwischt, wie er innerlich die Fairness einer Rechnung hinterfragt, hat ein Problem — unabhängig davon, ob die Krone perfekt sitzt.

7. Risiko: Was passiert, wenn etwas schiefgeht?

Beim Chairside-System

Fräsmaschine defekt: kein Umsatz, Wartungsfall. Software-Update ändert Workflow: Schulung und Produktionsunterbrechung. Schlüsselmitarbeiter verlässt die Praxis: Know-how weg, Anlage steht. Neue Indikation taucht auf, die das System nicht abdeckt: Laborkosten entstehen zusätzlich zu den laufenden Systemkosten.

Im Labor ohne Labor-Modell

Kein einziges dieser Szenarien ist relevant. Keine Hardware. Keine Software-Abhängigkeit. Das Fräszentrum-Netzwerk sichert Lieferfähigkeit. Keine Kapitalbindung, kein Maschinenrisiko.

Fazit

Das Chairside-System ist ein Investitionsprodukt, das seinen Käufer zur Auslastung zwingt, um nicht täglich Verlust zu machen. Das Labor ohne Labor ist ein Ertragsmodell: geringere Fixkosten, breiteres Indikationsspektrum, höhere Laborvergütung nach §9 GOZ — bei einem Bruchteil des Kapitaleinsatzes.

8. Zusammenfassung: Direktvergleich auf einen Blick

                                                                    Chairside-CAD/CAM                                          Das Labor ohne Labor

Investition (Einstieg).                              45.000–65.000 €                                            8.900 € (einmalig)

Monatliche Fixkosten.                             2.550 € (ohne Material).                                    249 €

Software-Lizenz                                      Ja, laufend                                                            Nein

Fräser / Verbrauchsmaterial.                  Ja, monatlich                                                        Nein

Wartungsvertrag                                     Ja                                                                            Nein

Arbeitszeit pro Krone/Brücke                100–160 Minuten                                                < 20 Minuten

Abdruck-Flexibilität                                Digital (Scanner erforderlich).                           Digital, Modell oder Abdruck —                                                                                                                                                  ein Preis

14-gliedrige Zirkonbrücke                     Nicht möglich                                                       Möglich

Ästhetisches Niveau                             Monolithisch, begrenzt                                        Mehrschichtig, individuell                                                                                                                                                           charakterisiert

Patientenwahrnehmung                      Maschine sichtbar — Wertzweifel.                      Unsichtbar — vertrautes                                                                                                                                                               Labormodell

Laborvergütung §9 GOZ 

nach Systemkosten                             Weitgehend aufgezehr                                        + 250 € realer Nettoertrag

Kapitalrisiko                                          Hoch                                                                       Keines

Nettogewinn pro Einheit (Ø)             ≈ 532 €                                                                    ≈ 908 €

Alle Kalkulationen basieren auf repräsentativen Marktrichtwerten (Q1 2026) und typischen Praxisszenarien. Individuelle Ergebnisse hängen von Auslastung, Finanzierungskonditionen, regionalem GOZ-Faktor und Patientenstruktur ab. Die §9-GOZ-Abrechnung der Laborleistung ist im Einzelfall praxisindiviuell zu kalkulieren und erfordert eine detaillierte Leistungsaufstellung (Art, Umfang, Preis je Arbeitsschritt). Steuerliche Effekte (z. B. Sonderabschreibungen auf Anlagegüter) sind nicht berücksichtigt.

Bereit für die individuelle Praxisrechnung?

Erfahren Sie in einem persönlichen Gespräch, was das Modell konkret für Ihre Praxis bedeutet — mit Ihrer Patientenstruktur, Ihren GOZ-Faktoren, Ihren Zahlen.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.